Der zweite Augenblick

Es war ein ungestörter, guter Morgen. Sowohl die pieksigen Sterne der Nacht, als auch das grelle Rot der aufgehenden Sonne verschonten diesen herrlichen Morgen mit ihrer störenden Präsenz. Alles war so wie immer, nichts hatte sich verändert. Stille hatte alles umgarnt, Dunkelheit es umschlungen und bis auf eine gelegentliche Briese waren alle Naturgewalten artig in andere Welten gezogen, um dort zu spielen.
So konnte man die Ewigkeit verbringen, dachte eines der dreihundertfünfundsechzigmilliardensiebenmillionenfünfundfünfzigtausendzweihundertundacht Sandkörner der siebten Düne links des Äquators, als plötzlich: WAM! Knirsch knirsch knirsch…

Gleichsam einem flüchtenden Schatten bei Anbruch des Tages, wie der Wind, der die mürrischen Sandkörner tanzen lies, wie einfache rasende Eile, die überall zugleich sein möchte, aber doch nicht kann, so flog die Welt an ihnen vorbei. Die beiden Männlein flitzten und rannten auf diesen einen unbestimmten Punkt am Horizont zu, auf dieses eine Gefühl, dass dort etwas wichtiges warten könnte. Es war kein Wissen, sondern lediglich ein Glauben. Ein Glauben, der schon bald belohnt werden sollte, denn die ersten grellen Strahlen der Hoffnung und der Zukunft tasteten sich in diese Welt vor.

Die Dunkelheit wurde lockerer, das Schwarz wich, je näher die beiden an diesen seltsamen Stern gelangten, der auf die Welt nieder gefallen sein musste. So etwas konnte nicht aus dieser Ebene stammen, es war zu fremd, zu neu, zu lebendig. Und es weckte das Sein in diesem Nichts. Farben blitzten auf, mal hier, mal da, bald überall. Und erste Geräusche wagten es zu klingen.

Was da erklang hörte sich jedoch fürchterlich geschäftig an, ja erinnerte fast an eine Großbaustelle!
„Passt doch auf! Nein, das nicht dorthin, hier drüben! Vorsicht! Ahh, der Baum war hundert Jahre alt! Seit doch nicht so tollpatschig damit.“ schwebte sanft ein schrilles Stimmchen herüber, als die Beiden die letzte Düne erklommen.
Der Anblick war beraubend! Vor allem der Atem versagte ihnen einen Moment lang und dabei atmeten sie ja nicht einmal, das wollte also schon etwas heißen.

Inmitten der nachtdurchtränkten Wüste aus schwarzem Sand, hinter der sechzehnten Düne mitten auf dem Äquator war ein Wald gewachsen. Oder war gewachsen worden, um genau zu sein. Zwischen den breiten Kronen der Bäume – die zu diesem Anlass der üblichen Mode dieser Jahreszeit entsagten und eher herbstliche Farben auftrugen, was jedoch nicht schlimm war, denn noch hatte sich niemand bereit gefunden zu entscheiden welche Jahreszeiten in dieser Welt überhaupt herrschen konnten – tummelten sich dutzende und dutzenddutzende kleiner pechschwarzer Männlein.
Und über allem flatterte eine aufgeregte, kleine Lady und fiepte ihre fieberhaften Befehle und Sorgen. Zwar kümmerten sich die Schatten nicht wirklich darum, aber es schien ihr eine gewisse Art der Beruhigung zu gewähren, drum wollte sie auch niemand beim Fiepsen stören.

Niemand bis auf einer: „Ist gut, Lurox! Wirklich. Entspann dich doch einmal, wir bauen hier doch nur einen kleinen Traum.“
Schnaubend ließ sich Lurox sinken und landete schließlich auf der Schulter eines großen Mannes. Er war eindeutig nicht aus dieser Gegend, denn ihm fehlte völlig die gesunde Bräune seiner kleinen Helferlein, doch seine Kleidung zeugte von tiefer Solidarität. Nicht ein Tupfen Farbe fand sich an seinem Mantel, bis auf eine kleine Perle, die um seinen Hals baumelte und in allen erdenklichen Farben leuchtete. Das musste es gewesen sein, was die Beiden gesehen hatten, gespürt hatten, was sie hier her gelockt hatte. Eine Idee.
„Du hast gut reden!“, zeterte Lurox von der Schulter des Mannes aus weiter. „Schau dich nur um! Dort oben sind die Äste völlig zerbrochen. Da hinten sind die Blätter mit Staub und Sandmatsch beschmiert. Überhaupt stimmt die ganze Farbkomposition überhaupt nicht mehr. Es ist ja alles durcheinander!“
„Aber liebe, liebe Lurox. Das hier wird doch ein Wald!“
„Ja und? Die Natur hat noch nie etwas von Ordnung verstanden. Das ist auch der Grund warum sie so endlos viele Käferarten gibt, die aber keiner braucht! Einfach keinen Überblick über ihre Arbeit, diese Frau…“

„Vertrau mir. Das hier wird schon bald alles wunderbar sein. Diese Welt lag solange brach, unberührt von jeder Phantasie. Sie muss sich langsam aus diesem Stillstand erheben. Ruhig und gelassen. Zuviel Ordnung verschreckt sie womöglich!“, sein Lächeln ließ der Fledermausdame jedes weitere Wort im Halse stecken bleiben. Er hatte ja recht, das hier wurde ein Wald, aber sie könnten doch wenigstens Rot- und Blaublüher voneinander trennen. Nur so ein bischen.

Mit diesem Gedanken wand sich der Fürst um und verschwand in den wachsenden Tiefen des Waldes. Fürst? So nannten ihn alle Schattenkindlein, all die kleinen Männlein. Warum wussten, sie selbst nicht, aber das war auch nicht wichtig.
„Hey! Nicht trödeln ihr zwei! Er wartet doch auf euch, husch husch! Oder wollt ihr nicht sehen, wohin das hier führen wird?“


 

Für Nichttrödler gibts Teil Drei!

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Der erste Augenblick

Knirsch. Knirsch. Knirsch.
Knirsch? Knirsch!
„Was das wohl sein mag?“, fragte er sich. Jeder Meter, den die Welt tat, ließ dieses Geräusch in seinen Ohren zurück. Jeder Moment, der verging. Jeder Schritt?
„Ist es womöglich gar nicht die Welt?“, dachte er und zwang sich auf. Es fühlte sich an, als wären es Jahre, oder gar Jahrhunderte gewesen seit dem letzten Mal. Doch langsam quoll ein träger Blick aus seinem Inneren hervor. Er blinzelte müde und die Welt blinzelte müde zurück.
„Schwarz … Und irgendwie vergessen.“ So lautete sein vernichtendes Urteil, doch die Welt zeigte sich völlig unbeeindruckt. Vielleicht hatte sie auch nur vergessen, wie man beeindruckt sein konnte. Aber die kalte Schulter, die dem Urteil gezeigt wurde, ließ es kleinlaut wieder in die Ecke des Kopfes zurück kriechen, aus der es gekommen war.
Alles war schwarz. In sanften Falten zeichnete sich an einem farblosen Horizont der einheitliche Boden gegen den sternlosen Himmel ab. Zu unterscheiden lediglich durch die körnige Struktur des einen und den gelassenen Einklang des anderen.
Alles war schwarz. So sehr, dass dem ungeübten Auge der Wind, der durch die schwarzen Lüfte tanzte, kaum aufgefallen wäre. Doch er war da. Er kam aus der Ferne und er ging in die Ferne. Jenseits dieser Welt verschwand er in bunteren Gefilden. Doch so weit reichte der träge Blick nicht.
Aber bis zu seinen Füßen reichte er! Sand! Die Wurzel allen Übels! Das hieß, sofern ein beständiges Knirschen unter den Füßen alles Übel war, dass diese Welt kannte. Und es sah auf den ersten Blick ganz danach aus.
Ein großes Übel, ein überbordendes Übel! Soweit sein Blick reichte war die Welt mit diesem Übel überzogen. Jede Falte am Horizont, jede sanfte Linie im Boden und sogar einige in den Wolken zeigte die selbe Körnigkeit, die selbe verschlagene Schwärze. Die gleiche übermannende Versuchung eine Sandburg zu bauen!
„Doch alleine wird das ja nie etwas.“, dachte er gerade noch, ehe ihn der schrille Ton einer Trillerpfeife kurz aus der Realität riss. Ein Blitz zuckte durch die Welt und tauchte für nur einen Augenblick alles in unglaublich pastellene Farben. Schnelles Trappeln und Knirschen folgten und bald ein zweiter Blitz. Dieser jedoch tauchte die Welt in Schwärze und Benommenheit.
Er war umgerannt worden. Eindeutig! Frechheit!
Vorsichtig öffnete er wieder die Augen. Das Übel unter seinem Körper fühlte sich erstaunlich weich und ziemlich gemütlich an. Man würde wahrhaft tolle Übelburgen daraus bauen können! Aber nun gab es Wichtigeres. Zum Beispiel diese kleine schwarze Gestalt mit dem entschuldigenden Blick, der ausgestreckten Hand und einem seltsam schwarzen Schutzhelm auf dem Kopf.
Er ließ sich aufhelfen und sah, auch seine Hand und sein Arm waren schwarz. Alles an ihm war ebenso schwarz. Schon immer gewesen. Er hätte in den letzten Jahrzehnten doch ein zwei Blicke riskieren sollen, dachte er, während das andere schwarze Persönchen ihn rund herum begutachtete und Sand abklopfte.
Alles war in Ordnung. Niemand verletzt. Nichts zu Bruch gegangen.
Knirsch, knirsch, knirsch. Knirsch?
Da rannte es und blieb wieder stehn. Es war schwer das Gesicht zu lesen, aber nicht weil alles schwarz war, sondern weil es so lange her gewesen war, seit er dies das letzte mal tun musste. „Soll ich… mitkommen?“, fragte er sich und das Persönchen nickte eifrig. „Nur wohin?“ und ein Fingerzeig folgte.
Dort hinten, weit am Horizont glitzerte etwas. Farbenfroh und unnahbar. Wie ein Traum bei Nacht.


Gut soweit? Gut! Hier gehts zu Teil Zwei!