Lesandria – Aus tiefem Schlaf

Zögernd nur erwachte die Welt aus der zu vertrauten Umarmung des schwindenden Winters. Die Ewigkeit im Schlummer fiel schmerzhaft von ihren Gliedern, als die ersten Wesen sich rührten, der Wind wärmend über Hügel und Ebenen glitt und Sonnenstrahlen lockend die schüchternen Schatten in den Baumwipfeln kitzelten. Das Leben hieß sie willkommen, nun war es an der Welt die Einladung anzunehmen.

Lesandria lag im weichen, weißen Gras eines Hanges und betrachtete mit Begeisterung das Schauspiel um sie herum. Um das zu sehen, hatte sie ihre Welt verlassen, die Sicherheit des Zuhauses aufgegeben und ein Abenteuer damit erkauft. Sie fühlte ihr aufgeregtes Herz pochen und ihren Kopf von Hoffnung trunken werden.

Zwar waren ihr Geschichten zu Ohren gekommen, über die Ereignisse hier und wie all dies aus nichts als Sand geformt worden sein sollte, doch hatte sie es nicht zu glauben gewagt, bis Heute. Die Möglichkeiten, die Momente, die Zukunft die hier geschenkt wurde. Sich vor zustellen, was sie hiermit alles erreichen konnte, machte Lesandria schwindelig.

Vögel, die andern Orts selbstverständlich ihre Lieder trällerten, verschreckten beim Klang ihrer eigenen Stimme. Blumen, die andern Orts gierig die Köpflein ins Licht reckten, krümmten und krochen hier in die Schatten, beschämt vom eigenen Zauber. Bäume, die andern Orts stolz bis hinauf in den Himmel thronten, waren – nun ja – thronten auch hier stolz in den Himmel. Bäume kannten wohl keine Scheu, dachte Lesandria. Oder jemand half ihnen, ermutigte sie. Sie musste diesen Jemand finden!

Doch zuerst – ein sanfter Lufthauch strich ihr durch das wilde, lilane Haar – ob sie sich wohl eine kleine Rast genehmigen durfte? Die Wege zwischen Welten waren beschwerlich und tückisch, besonders für eine junge Fee, die sie das erste mal geht, und der anbrechende Sommer zu verlockend. Lesandria schmiegte sich in das wolkengleiche Kissen, dass das Gras ihr formte, und schloss die Augen. Langsam wich die Aufregung von ihr, während sie die Funken zählte, die die Sonne auf ihren Flügeln schlug.

Hier war in der Tat alles neu, frisch und energiegeladen. Begierig darauf das Morgen zu erkunden, auch wenn es nicht wusste, was mit dem Heute zu tun sei. Doch bald würden die Geschöpfe es wissen, bald würde der Zauber des Anfangs schwinden. Wie lang es wohl dauern würde? Die Wesen in ihrer Heimat hatten schon lang vergessen, dass es diese Momente überhaupt gibt, das Abenteuer und das Entdecken. Sie hatten ihr Leben gefunden, ihren Weg gegangen und waren nun zufrieden mit allem genau so, wie es war. Die Tiere, Pflanzen und selbst die anderen Feen existierten nur noch in den Tag hinein. Sie schufen nichts, sahen nichts und entdeckten erst recht nichts.

Früher war Lesandrias Welt ein riesiger Wald. Bäume drängten sich um einander, ihre Äste verhakend und mit einander ringend, um den Platz am Licht. Doch einige wuchsen darüber hinaus, überragten alles und krönten das Firmament mit ihren Dächern. Die Heimatbäume. Reiche Riesen voller Blüten, Früchte, Blättern und Feen. Ganze Familien und Generationen lebten zusammen in einem Heimatbaum, sorglos. Das Leben war gut.

Doch eines Tages begann der Herbst. Auch wenn niemand sagen konnte welches der Tag war, denn es begann heimlich, schlich vom Boden her in ihre Welt. Die Bäume verloren ihren Stolz und ihre Kraft, wurden erst welk, dann kahl und verschwanden schließlich in schwarzer Tiefe. Nach und nach verdorrte der Wald und ein Heimatbaum nach dem anderen fiel. Bald schon drängten dutzende Feenfamilien in den letzten verbliebenen Bäumen und niemand wusste Rat.

Also war Lesandria hinaus gezogen, hinweg über die Grenzen ihrer Welt, in das Unbekannte, in ein Abenteuer. Und bald, nachdem sie die Magie des Schaffens erlernt hatte, würde sie heim kehren. Lesandria die Große, die Mutige und Weise! Die Retterin der Welt und Königin der … –

„Hey! Aufgewacht!“

Wie eine Blase platzte ihr Traum und hinterließ nur Schwärze und Verwirrung. Traum? Sie war eingeschlafen! Wie konnte sie nur einschlafen?! Sie musste doch…!

„Wir sind hier mitten in der Arbeit! Du kannst doch hier nicht einfach herum schlafen! Was wäre wenn dem Fürsten einfällt – oh ich weiß nicht – dass hier ein Fluss toll wäre? Dann würdest du einfach weg gespült! Oder einer seiner Bäume hier im Übereifer Wurzeln schlägt und dich in sich begräbt?! Wobei… Du wärst bestimmt ein tolles Blatt, die Flügelfarbe passt schon einmal.“

Böse Augen funkelten spaßlose Blicke auf Lesandria herab. In die Hüften gestemmte Klauen ärgerten sich über gleichmütig im Wind hängende Flügel. Und ein unablässig plapperndes Mundwerk überschimpfe Lesandria mit Vernunft und Sorge. Eine Fledermaus, ohne Zweifel. Eine seltsam gestimmte, obendrein. Sie war größer als Lesandria und mindestens zehnmal so selbstbewusst wie alles übrige Leben auf dieser Welt zusammen genommen. Sie konnte nicht von hier sein. Doch wo konnte diese Fledermaus sonst her kommen? Und wer …

„Lurox, übrigens!“, sie hatte sich zu Lesandria herunter gebeugt und ihr auf die Nase gestubst. „Mein Name. Wenn du mir schon sonst nicht zuhörst, merk dir wenigstens den! Und lass das – diese Fledermaus – gedenke, man kanns dir förmlich von der Stirn ablesen! Unhöflich, aller besten Falles!“
„Entschuldigung. Ich bin Lesandria und…“
„Nicht von hier. Ich weiß. Hier gibt es keine Feen. Wäre auch noch schöner, wir haben hier genug andere schabernacktreibende Wesen, nun muss ich auch noch auf dich aufpassen!“
„Au-aufpassen?“ Lesandria meinte sich verhört zu haben, glauben konnte sie jedenfalls nicht, wie frech diese Fledermaus mit ihr …
Schon wieder! Unhöflich Und ja aufpassen. Das hier ist immer noch eine Baustelle und du gehörst nicht hierher. Du hast mir wirklich nicht zugehört!“ Lurox war dazu übergegangen empört vor ihr auf und ab zu gehen.
„Doch schon, aber was machst du dann hier? Du wirkst selbst nicht gerade wie eine Einheimische.“
„Schlaumeierin. Ich helfe natürlich bei den Arbeiten. Eine Welt entsteht schließlich nicht einfach so. Und irgendjemand muss aufpassen, dass nichts alles in einer Katastrophe endet! Seine Hochwürden und seine Getreuen spielen den ganzen Tag viel lieber mit Sonnenglitzer.“
Lesandria sprang auf. „Hochwürden? Vorhin sagtest du etwas von einem Fürsten? Wen meinst du damit? Den Schöpfer von allem hier?“
„Schöpfer?“, Lurox musste lachen. „Nein, nein. Der Fürst ist der Fürst. Obwohl er diese Welt angezettelt hat, also liegst du wohl nicht ganz falsch. Aber die Idee ist gut! Wir fliegen am besten direkt zu ihm, dann kann er sich mit dir rum schlagen. Ich hab noch genug andere Zauselköpfe, um die ich mich kümmern muss.“
„Und was ist der Fürst dann? Ich dachte es müsste eine große Person, oder ein Geist sein, der eine Welt entstehen lässt.“
„Er ist nur ein naiver Träumer. Nichts weiter. Du musst doch schon viele von seiner Art gesehen haben, das ganze Universum wimmelt von ihnen.“
„Also … kein Gott?“, in Lesandrias Herz schlich sich eine merkwürdige Mischung aus Unsicherheit und Hoffnung. Sie war überzeugt, dass es jemanden Wichtiges brauchte, um eine Welt zu schaffen. Aber wenn dem nicht so war, dann hieße das, dass vielleicht auch sie selbst dazu im Stande sein könnte.
„Hahaha! Nein, nein. Kein Gott, kein Geist, nichts dergleichen. Nur ein Träumer. Übrigens, kannst du fliegen? Oder sind die da nur zur zierde?“, Lurox deutete auf Lesandrias schillernde Flügel.
„Ähm, ja natürlich kann ich fliegen.“
„Gut. Dann flieg!“
„Wie?“
„Du hast doch nicht zugehört! Der Fluss? Flieg! Jetzt!“ Mit drei kräftige Schwüngen ihrer Flügel schoß Lurox in den Himmel.
Eine merkwürdige und etwas unsympathische Fledermaus, dachte Lesandria noch, ehe sie vom plötzlichen Rauschen eines Wassersturzes aufgeschreckt wurde. Mit panischem Geflatter stürzte sie hinter Lurox her, aber nicht ohne noch einen kräftigen Schwall abzubekommen.

„Und deshalb muss ich auf dich aufpassen.“, spottete Lurox hinter ihr.

Als Lesandria zurück schaute plätscherte bereits ein fertiger Bach über das weiß glitzernde Gras, in dem sie vor Momenten noch so schön gefaulenzt hatte. Eine so junge Welt ist wohl wirklich kein Ort für Nickerchen.

Klick-Klack! Klick-Klack! Klick!

Aber offenbar war es ein Ort für Abenteuer, denn schon brauste eine aus Blättchen und Stöckchen meisterlich zusammengezimmerte Galeere die Stromschnellen zwischen den Grasbüscheln hinunter.

Klick-Klack! Klick-Klack!

Am Heck stand ein kleines Männchen, gänzlich aus Schwärze geformt. Sogar authentische, schwarze Hörnchen ragten aus dem völlig unauthentischen, schwarzen Bauarbeiterhelm.

Klick-Klack! Klick-Klack!

Es trommelte auf einer Walnusshälfte den Takt für die Ruderer. Und ein dutzend weiterer Schattenmännchen warf sich in die Riemen. Zwar nicht mit dem Takt, aber mit Begeisterung. Jedes einzelne mit seiner eigenen Version authentischer Helmhörnchen. Manche krumm, manche gerade, manche beides.

Klick-Klack! Klick-Klick-Klack!

Nur ein Männchen, zweifellos der Kapitän, denn er trug einen Dreispitz ohne Hörnchen aber auch ganz in schwarz, stand ganz vorn am Bug. Er hielt eine kleine Karte und beäugte mit vergnügerischer Kritik den Verlauf des Flusses, dann und wann einen Vermerk kritzelnd oder ein Handzeichen an den Trommler gebend.

„Ver-rückt!“, dachte Lesandria.
„Schau sie dir nur an! Nichts als Schabernack im Kopf! Das sind übrigens die kleinen Getreuen des Fürsten. Helfen brav bei allem was er tut. Frag mich aber nicht, wie das eine Hilfe ist! Ich versteh es selbst nicht.“
„Sie erinnern mich an meine Schwestern daheim.“
Klick-Klack! Klick! Klack-Klick!

„Du bist aus Feenwelt Atara, richtig? Nur dort pflegen sie diese Mischung aus Kunterbuntigkeit und Schmetterlingsflügeln. War früher ein paar mal dort, lange her. Die Heimatbäume gefielen mir sehr.“
„Es gibt nur noch wenige davon.“
Zu viel Schabernack schätze ich? Dennoch, mein Beileid. Komm, der Fürst sollte irgendwo dort bei der Quelle sein. Sollte…“, Lurox deutete ans andere Ende des Waldes.
„Sollte?“
„Wenn er sich nicht wieder von irgendwelchen Zaubertricks hat ablenken lassen, heißt das. Nun komm, es ist nicht so weit.“ Damit sauste Lurox davon. Sie glitt erstaunlich elegant durch die Luft, für eine Fledermaus, aber auch etwas eingebildet.

Der Wind war viel kälter in dieser Höhe und Lesandrias nasses Kleid, dass den Frost in jede seiner Falten kriechen lies, war auch keine Hilfe! Lurox hingegen schien das nichts auszumachen.
Lesandria begann sich zu fragen wieso Feen nie Mäntel trugen, oder wenigstens Jacken. Vermutlich vertrug sich zu grober und schwerer Stoff nicht mit den zarten Flügeln und der grundlegend grazilen Art und Weise. Auch waren wehende Seidenkleider viel standesgemäßer und süßer! Aber das frieren war es irgendwie trotzdem nicht wert. Etwas Ablenkung wäre jetzt gut.

„Entschuldige? Lurox? Du scheinst ja meine Heimat gut zu kennen, aber wo kommst du eigentlich her?
Lurox vergaß glatt einige Flügelschläge und stürzte etwas ab, überrascht von der Frage. „Woher? Einfach. Aus einem bescheidenen Dorf in einer der magischeren Welten. Ich lebte dort zufrieden im Dachstuhl eines alten Bauernhauses. Tobte nur dann und wann mal mit den Motten durchs Mondlicht und hatte meine Ruh. Der Bauer war zu alt und faul geworden, um mich noch besuchen zu kommen. Es war eine gute Zeit.“
„Was hat dich dann aber hier her verschlagen?“
„Der Fürst.“, sie seufzte leise. „Eines Nachts – es war Vollmond und die Motten besonders frech – stand er vor mir und fragte ob es so nicht langweilig und einsam sei. Er sprach von Abenteuern und Entdeckungen. Und einige Jahre später bin ich Kindermädchen für seine Schar.
„Warum gehst du denn nicht Heim, wenn es dir hier nicht gefällt?“
„Weil .. Erm, weil … Du bist ganz schön neugierig, für eine Fee! Was machst du denn selbst hier, weit weg von deinem Baum?!“
„Einen Weg suchen meine Welt zu retten.“
„Ohja, das kommt mir bekannt vor! Was ist deine Ausrede? Eine Prophezeiung? Ein Seegeist? Eine Erscheinung, die dir den großen Auftrag aufbürdete, weil sie selbst zu faul ist?!“
„Wie bitte?!“, Lesandria wollte sich verhört haben, aber diesmal war der Spott der Fledermaus zu viel „Meine Welt stirbt! Und irgendjemand muss etwas tun! Alle sitzen nur rum und warten auf die Prophezeiung, dass Versprechen von einem Geist, dass alles gut werde. Aber niemand geht von selbst los und tut etwas! Also bin ich los gezogen!“
„Manche Welten neigen dazu. Niemand beachtet die Probleme, bis es zu spät ist.“
„Ich habe die Probleme beachtet!“
„Und ist es nicht schon zu spät? Was willst du tun?“
„Wenn es möglich ist eine neue Welt zu schaffen, dann ist es auch möglich eine alte Welt zu heilen!“
„Und du suchst hier den Zauber, der dafür verantwortlich ist? Nun viel Glück. Aber du wirst nicht finden, was du dir erhoffst.“
„Das werden wir noch sehen!“
„Ja werden wir. Wir sind da. Dort unten ist das Lager.“

Zwischen den Baumkronen zeichnete sich das helle Glitzern eines Bachquells in der Mittagssonne ab und das Trampeln vieler aufgeregter Füße übertönte sogar die Stimme des Windes im Blätterwerk. Kleine Zelte und Pfade zeichneten sich im Flussufer ab wie ein Spinnennetz voller Morgentau. Und in der mitte stand ein Mann, der klar wie ein Stern am Himmel aus dem Tumult hervor klang.

„Vorsicht damit. Der Stein sieht nicht nur zerbrechlich aus, sondern ist es auch.“
Kla-Klirr!

„Nun, wie gesagt, zerbrechlich. Legt die eine Hälfte dort drüben ans Wasser, da passt sie gut hin. Die andere hier her, nun hat sie die perfekte Größe.“, man hörte das vergnügte Lächeln aus den Worten heraus. Lesandria überlegte ob das wohl noch Gutmütigkeit war oder schon Gleichmut.

Flatt-FlattFlatt!

Lurox landete seufzend auf der Schulter des Fürsten, sich in seinen schwarzen Umhang krallend.

„Du musst wirklich strenger mit ihnen sein! Wenn sie noch mehr dieser Steine zerstören, bleibt nicht genug für den Turm! Schließlich sind die nicht einfach zu behauen und wir müssen sie aus einer ganz anderen Welt heran schaffen! Einfach ist anders!“
„Schön dich zu sehen, Lurox!“, wieder schwang das Lächeln durch seine Worte. „Unten am Fluss ist alles in Ordnung?“
„Wenn du Wildwasserfahrten mit Blättergaleeren für in Ordnung hältst...“
„Tue ich.“
„Dann, ja! Bis auf eine kleine Besucherin.“, Lurox deutete hinter sich auf Lesandria, die noch etwas ratlos in der Luft schwebte.
Bestens. Ihr ist auch nichts passiert? Oder ist sie nur schüchtern? Sie redet gar nicht.“
„Das liegt daran, dass du selbst wie ein Wasserfall plapperst und niemand zu Wort kommt!“
„Ah, dann richte ihr bitte meine herzlichste Entschuldigung aus.“
Lurox schlug ein zweimal mit den Flügeln und drehte sich Lesandria zu, „Er bittet vielmals um Verzeihung für seine unwirklichen Manieren, aber er ist sonst nur den Umgang mit Steinen gewohnt!“
„Ähm.. es ist okay? Denke ich.“, Lesandria war nun ganz verwirrt. Das sollte also der große Erbauer der Welt sein.
„Sehr schön.“ Der Fürst drehte sich schwungvoll auf dem Absatz herum und verbeugte sich, wie vor einer Prinzessin. Lurox hopste panisch flatternd in die Luft und löcherte ihn mit bösen Blicken. Aber offensichtlich war das nichts neues für die Beiden. „Ich bin der Fürst, sehr erfreut, kleine Lady Lesandria! Ihr kommt von weit her, wie ich höre, und seid auf einer großen Mission. Mein Bedauern für eure Heimat, der Wald war ein Meisterwerk, wenn auch nicht das meine.“
Als er sich wieder erhob erhaschte Lesandria einen Blick in seine dunklen Augen. Wie fern sie waren, wie zerstreut, von einer fremden Welt. Hunderte Lichtlein blitzten in ihnen und doch waren sie erfüllt von ewiger Nacht. Sie schauderte etwas.
Lurox hatte recht behalten, der Fürst war nicht, was Lesandria erwartet hatte. Vor ihr stand kein überwältigender Gott, wenn gleich auch er ihr geradezu riesig erschien. Doch das mochte daran liegen, dass sie sonst nur andere Feen traf. Ganz in schwarz war die Gestalt des Fürsten gehüllt und nur dann und wann blinkte silberne Zierde im Sonnenlicht. Eine stattliche Erscheinung, dem Namen würdig.
So fühlte sie sich etwas fehl am Platz, nur in ihr einfaches Feenkleid gehüllt, dass mittlerweile zwar zumindest wieder trocken aber doch völlig zerknittert sein musste. „L-Lesandria, nur eine einfache Fee aus Artara. Ebenso erfreut.“ Sie machte einen kleinen Knicks in der Luft. „Ihr wisst… Woher, wenn die Frage gestattet ist?“
Er lächelte nur sanft, als ein kleines Schattenkind aus seinem Kragen blinzelte und einen ebenso kleinen Feenflügel auf seinem Rücken zur schau trug. Das Muster penibel ausgeformt, schwarz in schwarz auf schwarz.
„Heißt das, sie sind…“
Der Fürst legte seinen Kopf grüblerisch in den Nacken, „Wo immer Licht ist, wird auch Schatten sein. Heißt es nicht so?“
„Schön! Dann kennen wir uns ja nun alle.“, platzte Lurox brennende Ungeduld dazwischen. „Dann werden die feinen Herrschaften mich nun sicherlich entschuldigen, denn es gibt noch viel zu tun! Zum Beispiel neue Kristallsteine organisieren! Also, gehabet euch wohl.“ Ohne auch nur auf ein weiteres Wort zu warten schoß sie in den Himmel davon.
Ein Lachen folgte ihr. „Viel Spaß auf der Jagd nach ihnen!“, rief der Fürst hinter her und dann zu Lesandria gerichtet, „Keine Bange. Sie meint es nur gut. Es fällt ihr bloß schwer das zu zeigen. Also, was wollen wir als erstes tun?“

Der Tag wandelte sich zum Abend, während Lesandria dem Fürsten und seinen Schattenkindern bei der Arbeit half. Zu schön wäre es gewesen, wenn ein einfaches Fingerschnippen oder eine simple magische Formel genügt hätten, um ein ganzes Tal mitsamt Blumen und zugehörigen Schmetterlingen zu öffnen, aber die Realität war leider eine andere. Mit müheverzerrten Gesichtern und kleinen Schnaufpausen schleppten die Schattenkinder einen Kristallstein um den nächsten vom Lager zum Fluss. Dort wurden sie penibel vermessen und exakt platziert, kurz bevor jeder Stein noch einen letzten Tritt bekam, um ihn perfekt einige Millimeter aus seiner Lage zu bringen. Danach rannten und tobten die Schattenkindlein zurück zum Lager, als könnte keine Last der Welt sie ermüden.

Lesandria hingegen war schon nach dem ersten Stein völlig geschafft. Nicht nur weil sie fast mehr wogen als ihre zarten Feenärmchen zu heben vermochten, sondern weil sie den ganzen Weg über beharrlich im Licht funkelte und sie kaum sehen ließen, wo sie hintrat. Es war ihr kaum verständlich wozu all diese Mühen überhaupt dienten. Die Kristallsteine einfach hinein zu werfen, würde um einiges schneller gehen. Und wozu überhaupt Steine in den Fluss sortieren? Er floß so gemütlich in seinem neuen Bett dahin, wieso musste man ihn stören und beladen? Und überhaupt, zuvor war dort ein prächtiger Wald mit einer perfekten Hangwiese zum Sonnen, dösen und picknicken. Nun war es ein rauschender Wassersturz. Lesandria verstand es einfach nicht. Und was viel schlimmer war, sie erkannte, dass sie allein solche Arbeit nie bewältigen können würde. Wie könnte sie eine Welt heilen, wenn sie nicht einmal einen Fluss verlegen könnte?

Zermürbt lies sich das Feelein ins schattige Gras unter einem niedrigen Baum plumpsen, den sorgenschweren Kopf in die Hände gestemmt. Leise Seufzer hauchend, während ihr Haupt immer schwerer wurde.
„Miep!“, stubste ihr ein Schattenkind auf die Nase.
Lesandria sprang erschrocken auf und das Kleine purzelte von ihrem Kopf. Gerade noch konnte sie es mit noch mehr Schrecken auffangen. Das Schattenkind jedoch lag nur in ihren Händen, blinzelte sie vergnügt mit seinen großen plätscherblauen Augen an und, „Miep!“, stubste sie noch einmal auf die Nase. Dann sprang es hinunter und flitzte davon.
So blieb Lesandria zurück, zu sich selbst murmelnd. „Was… war das?“
„Er findet deine Nase lustig. Oder möchte mit dir fangen spielen. Vielleicht wollte er dich aber auch einfach nur aufmuntern. Ich schätze es war eine Mischung aus allen drei Dingen.“
„Ein verrücktes Volk.“
„Ein junges Volk. Vielleicht werden sie eines Tages erwachsen, aber ich hoffe das sie sich damit viel viel Zeit lassen.“ Der Fürst lies sich neben ihr ins Gras sinken und schaute versonnen den geschäftig im Wind wehenden Blättern zu. „Und was ist mir dir? Du wirkst unglücklich.“
„Ach es ist nichts.“
„Oh das ist ziemlich viel. Wo sollen wir anfangen?“
Lesandria zupfte abwesend an einige Halmen, „Na gut Es ist bloß …. ich hatte mir alles viel einfacher vorgestellt. Viel magischer und nicht so kompliziert.“
„Einfacher? Meinst du eine neue Welt zu schaffen oder eine alte Welt zu heilen? Du hast recht, ein simples Fingerschnippen bewirkt gar nichts. Aber vielleicht ist alles viel einfacher als du denkst.“
„In den Märchen genügt ein Fingerschnipp.“
„Doch auch dort geht stehts erst alles schief, bevor es gut wird.“
„Vermutlich. Nur alles hier ist so mühsam, wirr und anstrengend. Deine Schattenwesen scheinen unermüdlich, aber ich bin es nicht.“
„Sieh nur wie viele es sind. Wie jeder von ihnen den anderen stützt und man einander hilft. Niemand bleibt allein und zusammen wird selbst die schwerste Prüfung zu einem Kinderspiel.“
„Wortwörtlich. Aber ich bin allein.“
„Bist du dir da sicher?“, er lächelte ihr vielsagend zu, dann erhob er sich. „Nun, die Nacht steht bevor und wir haben noch einiges zu schaffen bis dahin.“ Damit lies der Fürst Lesandria zurück, nur sich und ihren Gedanken überlassen.
„Er hat gut re-Ahua!!“ Jemand hatte an ihrem Flügel gezupft! Frechheit! Und schmerzhaft obendrein. Doch als Lesandria sich umdrehte und wütend los schimpfen wollte, war niemand mehr zu sehen. Nur das kleine Schattenkind, dass sich hinter einem Zweig versteckte und schüchtern mit seinen großen, plätscherblauen Augen hervor lugte. Kein Zweifel, er war es gewesen, aber Lesandria konnte diesen Augen unmöglich böse sein. „Das hat weh getan…“
Der Kleine schaute betroffen zu Boden, bohrte etwas mit seiner Fußspitze im Sand und verbeugte sich dann zur Entschuldigung. Bemerkenswert war wie exakt er dabei die Bewegungen des Fürsten imitierte. Nur ein vages Gefühl blieb, dass er dem parodischen Effekt zu liebe etwas hatte verblassen lassen. Die Mimik, die Gestik, vielleicht die Kniebeugung? Es war nicht auszumachen, was Lesandria nur noch etwas mehr staunen lies.
Sie musste lachen, „Na gut, ich verzeihe dir. Und? Gehen wir zurück zu den anderen?“
Mit ungezügeltem Enthusiasmus zischte der Kleine an Lesandria vorbei, packte dabei ihren Arm und zog sie, so geschwind sie eben stolpern konnte, hinterher. So verschwanden sie rasch in der Menge geschäftiger kleiner Köpfe, die sich entlang des Baches tummelten. Er würde ihr nicht mehr von der Seite weichen. Sie stubsen und halten, wann immer ihr die Kraft oder der Mut ausging, und die Arbeit schien leichter denn je.

Schließlich war die Sonne untergegangen und die Kühle der Nacht brachte sehnsüchtige Erinnerungen an den ewigen Winter in die Welt. Die Einfachheit des Schlafes und die Unbeschwertheit der Nichtexistenz. Doch im fahlen Leuchten aus den Tiefen des Baches hielten die Schattenkinder die Melodie des Lebens wach. Sich wild drehend und tanzend warfen sie die tollsten Bilder und ganze Schauspiele an die flackernden und funkelnden Rinden der größten Bäume und zauberten ganz eigene Welten in dem, was Lesandria nur noch wie ein Traum schien.

Noch immer hatte sie das Gefühl so wenig von alle dem zu verstehen. Noch immer zweifelte sie ihrer Heimat je helfen zu können. Und auch wenn ihr neu gewonnener Freund ihr lustige Grimassen schnitt, um sie aufzuheitern, blieb diese bittere Hoffnungslosigkeit doch tief in ihrem Herzen. Mit dem Haupt voller schwerer Gedanken saß sie wieder einmal abseits auf einer Anhöhe, der Blick über den glimmenden Bach gerichtet und die Beine von einer groben Wurzel baumelnd.

Wunderschön, nicht wahr?“, flüsterte eine Stimme sacht an ihrem Ohr. Es klang nach dem Fürsten aber niemand war zu sehen.
„Ja, schon. Ein prächtiger Zauber und ein prächtiges Fest.“, murmelte Lesandria in die Nacht hinein.
„Verstehst du inzwischen welchem Zweck er dient?“ Es klang wie das ferne Wispern zwischen den Blättern. „Sieh nach oben.“
Sie tat wie ihr geheißen. Zwischen den aufragenden Baumkronen, die vom fahl blauen Schein bis in die Spitzen erleuchtet waren, stand ein weich gezeichneter Himmel in matter, ruhiger Schwärze. Der Blick mochte sich in der Ewigkeit verlieren und man fühlte sich als würde die Seele nie zurück finden, wenn man sich nicht rasch abwandte.
„Gar keine Sterne.“, flüsterte Lesandria. „Und kein Mond?“
„Nur das ewige Nichts. Diese Welt ist einsam, noch am Beginn ihrer Reise. Vielleicht ein wenig wie du selbst.“
„Das ist… bedrückend.“
„Mit der Zeit werden die Sterne zu ihr finden. Ein Lebensweg ist lang und voller Begegnungen. Ebenso der einer Welt, wie auch der eines jeden anderen Wesens. Und bis es soweit ist, leisten wir ihr Gesellschaft.“
„Heißt das, Welten sind Wesen in sich selbst?“
„Natürlich. Sie haben Bedürfnisse, sie haben Ziele. Sie können wachsen und gedeihen. Sie können aber auch leiden und sogar sterben.“
„Ich weiß…“, sagte Lesandria mit tiefem seufzen.
„Doch am liebsten schlafen sie. Von einer Ewigkeit in die nächste. Fern von allen Sorgen, die das Leben bietet. Fern von allem Kummer und den Schwierigkeiten einer Reise. Man muss sie wecken und locken. Ihnen das Abenteuer darbieten und sie schließlich überzeugen, dass das Opfer es wert ist. Das macht es so schwer, liebe Lesandria. Um eine Welt zu schaffen bedarf es nicht viel, doch eine zu erhalten erfordert das Geschick eines ganzen Volkes.“
„Die Schatten. Warum versteckst du dich?“
„Tue ich nicht.“ Langsam zeichneten sich die zufriedene Gestalt des Fürsten aus der Nacht heraus. Er wirkte kleiner, näher und wirklicher, als zuvor. Doch auch etwas blasser. „Ich bin immer hier.“
„Du scheinst… anders?“
„Diese Steine, die wir im Fluss verteilten, sind aus reinem Licht. Sie sind Bruchstücken eines kalten Sterns, noch immer erfüllt von seinem Licht, doch nur noch ein Hauch von seiner Pracht. Ohne sie würde der Fluss sich selbst verlieren in der Finsternis. Und ohne den Fluss wäre der Wald nicht mehr. Die Welt würde über Nacht verdorren und zurück in ihren alten Schlummer fallen. Vergessen, als wäre es nie gewesen.“
„Aber sie ist doch da! Wie könnte sie einfach verschwinden?“, Lesandrias ließ ihre Schuhe an der Wurzel klackern, um jeden Zweifel zu zerstreuen.
Doch eine Hand voll Erde, brachte sie zurück. Der Fürst grub nicht sonderlich tief, er hob nur etwas Gras beiseite und nahm eine Hand voll Erde darunter heraus. Was zum Vorschein kam, lies Lesandria wundern. Schwarzer Sand, große und kleine Kieselkörner, alle von der selben Beschaffenheit. Glatt und poliert, doch matt und unscheinbar. „Das Fundament dieser Welt. Niemandsland. Es ist noch immer nicht gewandelt und es wird noch viel Zeit brauchen, bis es in Grundfesten übergehen wird. Das ist die Gänze der Welt. Eine Idee, fast nur ein Traum, gepflanzt in etwas Niemandsland. Rasch sprießen die ersten Wesen, eilig wachsen große Lande. Doch um alles zu erhalten, um es wirklich werden zu lassen, bedarf es langer Pflege und viel Fürsorge. Und vieler weiterer Träume.“
„Zu viel für eine kleine Fee, wie mich…“
„Hör zu, Lesandria! Du hast ein aufrechtes, mutiges Herz. Und du hast den unbeugsamen Willen. Sonst wärst du lang nicht mehr hier. Alles was dir fehlt ist …“
„Sind die Träume?“
„Heheha. Nein. Ist ein Anfang.“
„Ein Anfang?“
„Der Spross aus dem deine Geschichte gedeihen soll. Der Punkt an dem dein Abenteuer beginnt. Und mit etwas Glück und langem Atem wirst du einen Weg finden deiner Welt zu helfen. Vielleicht wird es nicht genau das magische Fingerschnippen sein, dass du dir wünschst. Aber es wird deines sein.“
Versonnen begann sie in dem Loch unter der Wurzel zu stochern. Eine Welt nur aus Sand und Träumen erbaut, mit der Hilfe von nichts als Licht und Schatten. Wenn es damit ging, dann würde sie vielleicht wirklich eines Tages ihren Weg finden, mit ihren Werkzeugen und ihren Helfern.

„Oh, was ist das?“ Einer der Kiesel war anders als die anderen. Er war runder, eine perfekte Kugel, wo die übrigen mehr Eiern glichen. Auch war er kaum matt, sondern fast durchscheinend schwarz mit einem geschwungenen Bruch in der Mitte, erfüllt von zartblauem Schimmer. Und ganz am Rand, fast nicht zu sehen, fiel Lesandria ein lilanes Pünktchen auf. Die selbe Farbe, wie ihr Kleid.
„Das ist eine Perle. Ein kristallener Moment. Unbedeutende Wichtigkeit, ewige Vergänglichkeit. Das Alltägliche, das so selten wird, denn wie schnell wird es übersehen. Und wie es scheint, ist diese hier ganz speziell für dich. Behalte sie, bewahre sie gut.“
„Für mich? Wie? Von wem? Nein das geht nicht.“
„Schau nur hinein, es ist offensichtlich dein Moment. Behalte sie. Sie wird dich an das Leben erinnern, wenn der Schlaf dich gefangen nimmt.“
„Danke, werter Fürst der Schatten.“ Lesandria war aufgesprungen und machte ihren höfischsten Knicks. Beinahe konnte sie das Kichern der Schattenkinder spüren, die sie vom Fluss aus bemerkten. Doch als sie sich empört zu ihnen wandte verbeugten und knicksten sie alle vor ihr. Die Worte versagten ihr.

Leichter Sonnenschein verfing sich in seidenen Vorhängen, als er seinen Weg quer über einen gewaltigen und gewaltig unordentlichen Schreibtisch hin zu einer schlummernden Nase suchte, die er kitzeln konnte. Aufgeschüttelt von einer sanften Brise wogen sich Gras und einzelne Bäumchen auf einer weiten Wiese vor dem Fenster und das strahlendste Blau des Himmels konkurrierte mit dem vor Anstrengung kräuselnden Spiegel eines Gartensees. Endlich, vom wehen der Vorhänge befreit, fand der Sonnenschein die Nase und eine Perle in der er neckend funkeln konnte. Wohl behütet thronte sie in einer kleinen, wie ein Ei geformten Schatulle mit schillernden Blüten darauf und in sattestem Grün. Darunter ein Schriftzug: „In ewig, vergänglich.“

Ende


„Na ihr Lieben? Ich bins, Lurox! Seid ihr auch hier angekommen? Wie schön, dann hab ich vielleicht jemanden, dem ich mein Leid klagen kann! Von wegen Ende! Dieser Quasselbolzen von Fürst… Hachweh.
Lesandria wohnt nun bei uns und bastelt die schrägsten Dinge. Der Fürst ist natürlich hin und weg, was auch sonst, aber wer muss hier alles in Ordnung halten, während die beiden herumträumen? Natürlich ich! Hmpf…
Was guckt ihr jetzt so neugierig? Ihr wollt sehen, was Lesandria ach so tolles verbrochen hat? Na meinet wegen, gehts euch halt ansehn. Hierlang, hinten rechts die Treppe hoch, erste Tür links. Viel Spaß! Und verlauft euch nicht, sonst muss ich euch am Ende noch suchen gehen.

Bis zum Nächsten mal!