Der dritte Augenblick

Ein kleiner Sonnenstrahl purzelte über die Dutzenden Blätter einer hundertjährigen, fünf Minuten alten Eiche. Mitgerissen von der auffliegenden Stimmung, die der erste Morgen verbreitete, hatte er versäumt darauf Acht zu geben, wohin er gerade flog. Und nun fand er sich über Zweige stürzend und an Ästen entlang rollend. Die Welt drehte sich, oder sein Kopf, oder beides. Er war sich da nicht mehr so ganz sicher. Und schließlich, mit einem satten Plumps, landete er in einem gemütlichen Mooskissen auf dem Waldboden.
Sein Auftritt hatte nicht schlecht für Aufsehen gesorgt, schauten dem kleinen, verwirrten Strahl doch drei Paar kleiner, ebenso verwirrter, plätscherblauer Augen entgegen. Keiner sagte einen Ton. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Immerhin war die Lage klar! Dort saß ein fürchterlich tollpatschiges kleines Etwas, dass sie noch nie zuvor gesehen hatten und es hatte eine fürchterlich stattliche Beule am Kopf, die es gerade eifrig und mit schmerzzuckender Miene rieb.

Flap. Flap. Flapperatap.
„Wo bleiben diese Kleinen nur? Es war doch abgemacht pünktlich am Turm zu sein! Und nun? Nun such ich sie! Verirrt im Wald. Wer`s glaubt! Spielen wieder irgendwo irgendwas und drücken sich! Bestimmt. Bloß wo?“, Lurox war ganz sie selbst und voll in ihrem Element: Dem Besorgt-Sein.
Sie hatte nun schon den halben Wald abgeflattert und noch keine Spur. Es war nicht mehr ganz Morgends und die Sonne schien aus vollen Kräften. Vermaledeit! Wie schwer konnten Schatten schon am hellichten Tage zu finden sein? Das war doch absurd! „Und später darf ich wieder erklären warum ich so überbesorgt sei. Er kann ja alles auf die leichte Schulter nehmen. Er hat ja noch zigtausend andere Schattenkinder um sich herum wuseln! Aber wehe eines fehlt am Ende des Tages… Der Fürst kann sich auch nicht entscheiden. Und immer, immer muss ich mich kümmern und sorgen! … Oh! Sind sie das?“
Irgendetwas hatte zwischen den Baumkronen geblitzt, hell wie ein Sonnenstrahl. Dabei hatten sie doch noch überhaupt keinen extravaganten Schmuck verteilt. Aber wie Lurox die Kleinen kannte, waren sie dort. Sie waren schließlich fast schon krankhaft Neugierig und wurden von Seltsamkeiten magisch angezogen.
In weitem Bogen setzte sie zum Sinkflug an. Spannte die Flügel und lies die Luft gemütlich vorrübergleiten. Ein bischen gefiel ihr das ja schon, gestand sie sich heimlich, still und leise ein.

Unten im Blätterdach jagten die kleinen Schatten den kleinen Sonnenstrahl, der schon wieder putz munter und fidel umher hüpfte. Die Beule an seinem Kopf war vergessen, dass er gestürzt und womöglich verirrt war, ebenso. Hier unten durch die Bäume zu springen machte ohnehin viel mehr Spaß als quer über den Himmel zu sausen. Es war anspruchsvoller und spannender und man konnte sich besser verstecken.
Gerade kauerte er hinter einem Büschel Grün und lauerte ob die Schatten ihn wohl wieder finden würden, als mit großem Getöse und gewaltigem Sturm Lurox vor ihm landete. Lurox war für eine Fledermaus zwar nicht ungewöhnlich groß oder kräftig, aber für das kleine Lichtkind wirkte sie riesenhaft, monströs, gewaltig und irgendwie respekteinflößend.  Er kannte das Gefühl nicht, dass ihn in diesem Moment gefangen hielt, hatte es noch nie zuvor gefühlt. Wie auch? Er war ein Lichtstrahl gewesen, der sein ganzes Leben lang nur von einem Himmel zum nächsten rast! Kaum tauchte eine Welt vor ihm auf, so verschwand sie noch im selben Augenblick hinter ihm wieder in der Ferne. Nichts hatte ihn bisher gehalten oder beeindruckt, doch seit er aus seinem Trott gepurzelt war, eröffneten sich völlig neue Eindrücke. Eindrücke die ihn zwar freuten, aber auch fürchten ließen. Angst, er hatte Angst. Er wollte heim.

Lurox war erstaunt. Das Kerlchen vor ihr starrte sie mit aufgerissenen, strahlenden Äuglein an. Zitterte es? So eine Reaktion kannte sie nicht, die Schattenkinder hatten allenfalls Schabernack für sie übrig. Sie wussten zu gut, dass Lurox keiner Fliege etwas zu leide tun könnte, egal wie aufgebracht sie auch erscheinen mochte. Und gerade war sie wirklich aufgebracht. Einen ganzen Morgen lang hatte sie diese, zwar noch kleine, aber schon so weite Welt abgesucht und nun stand sie vor einem ängstlichem kleinem Ding, das auch sie noch nicht kannte. Unsicher trat sie ein wenig auf der Stelle. Normalerweise hätte sie nun geschimpft und gemeckert, ihren Frust heraus gelassen und die Bande wieder zum Fürsten gebracht, aber irgendwie tat ihr der kleine Lichstrahl zu sehr leid, um ihn so unverdient anzufahren.
Sie hockte sich hin, machte sich klein und war bald fast so groß wie er. „Schhh. Ganz ruhig, ich tu dir nichts. Wer bist du? Du siehst verlaufen aus.“
Er wagte nicht zu nicken, noch immer war er starr. Allein und Hilflos im Angesicht der Bestie!
„Mhh… weißt du? Ich suche drei Schattenkinder, etwa so groß wie du, nur … Humpf!“ Weiter kam Lurox nicht, denn mit stummem Kampfgeschrei hatten sich die drei Schatten aus den Ästen hinab auf sie stürzen lassen. Ihr dumpfer Aufprall wurde vom kläglichen Geräusch eines zu fest getretenen Blasebalges begleitet und von ärgerlichem Keuchen untermalt. Doch ehe Lurox zu Atem kommen konnte, waren die drei schon von ihrem Rücken gesprungen und hatten begonnen dünne Schnüre um sie zu wickeln. Zwar gaben sie sich keine große mühe diese auch fest zu zurren, weshalb man kaum von fesseln sprechen konnte, aber bald schon war das Biest besiegt und lag als halbwegs hilflos scheinende Beute auf dem Breiten Ast vor dem Lichtstrahl.
Dieser schaute recht überrascht aus, denn alles geschah so schnell, doch seine Angst war verflogen und nun war es an ihm Mitleid mit der ärgerlich zappelnden Lurox zu haben. Ihr Blick hatte sich verfinstert. So düster, dass selbst einem wackeren Krieger das Herz gestockt hätte. So düster, wie man ihn nur von sorgenden Seelen kennt, die die neuesten Streiche ihrer Schützlinge erdulden müssen. Der Blick hatte etwas einschüchterndes und beruhigendes zugleich. Wieder etwas, dass das kleine Licht nicht kannte.
Während er sich all das durch den Kopf gehen lies, hatten die Schatten bereits einen stabileren Zweig gesucht und zurrten Lurox darauf fest. Offenbar gedachten sie nun ihre Beute stolz heim zu schaffen, was ja irgendwo auch in Lurox Interesse lag. Aber nicht so!
„Ihr kleinen… Macht mich los! Sofort! Das ist kein Spaß und auch kein Spiel mehr! Vermaledeit. Wenn Er davon erfährt! Wartet nur…“ Sie zappelte und strampelte, doch noch gaben die Bänder nicht nach.
Alles war bereit und verzurrt. Zwei Schattenkinder standen hinter Lurox, einer vor ihr und zählten leise ab. Eins. Zwei. Drei. Hauruck! Sie war schwerer, als man bei ihrer Größe vermutet hätte, aber dennoch kein Problem für die drei. Nun mussten sie nur noch heraus finden in welcher Richtung eigentlich Daheim lag. Bei all dem spielen hatten sie die Orientierung völlig verloren und der Wald sah, wie üblich für einen Wald,  irgendwie überall gleich aus. Also nach Links? Oder vielleicht doch Rechts?
Mit einem Schulterzucken beschlossen sie: Einfach immer der Nase nach! Und mit schwerem Seufzen wurde Lurox davon getragen. Über die Äste, durch die Baumkronen, die sich hier so dicht aneinander drängten, dass nicht zu sagen war wo ein Baum endete und ein anderer begann.
Gerade als sich das kleine Licht verlassen fühlen wollte und traurig hinterdrein blickte, hielt der Tross inne. Der letzte von ihnen wand sich um und wunk ihren neusten Freund heran. Glücklich rannte er ihnen nach. Wo die Reise wohl hingehen würde?

 

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2 Gedanken zu “Der dritte Augenblick

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